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Brexit: Italien steht am Rand einer ausgewachsenen Bankenkrise

Nach Auflösung der ersten Schockstarre werden die Auswirkungen, die das Brexit-Votum nicht nur für die britische Wirtschaft, sondern auch für die Eurozone hat, unmittelbar sichtbar. Betroffen ist aktuell vor allem das ohnehin schwächste Glied der Kette: Die italienische Bankenlandschaft. Die Kreditinstitute benötigen eine Finanzspritze von 40 Milliarden Euro.

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Gebeutelt durch eine jahrelange Krise sitzen die Institute auf einen 360 Milliarden Euro hohen Berg an faulen Krediten, was etwa einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts gleichkommt. 200 Milliarden Euro davon sind Darlehen von nun insolventen Kreditnehmern. In einem ersten Akt haben die Banken sie auf 45 Prozent abgeschrieben, seriöse Marktschätzungen sehen sie allerdings eher bei 20 Prozent ihres Nominalwertes. Unter dem Strich fehlen dem System damit 40 Milliarden Euro frisches Kapital. Brexit und die schwachen italienischen Wachstumsprognosen könnten die Krise noch verschärfen. Die alarmierte Europäische Zentralbank EZB hat die Großbank Monte die Paschi di Siena (MPS) aktuell zu einem rigorosen Abbau ihrer faulen Kredite von 47 Milliarden Euro um 30 Prozent bis 2018 aufgefordert. MPS dürfte beim jüngsten EZB-Stresstest durchgefallen sein.

Nach Ansicht der italienischen Finanzverwaltung birgt der allgemeine Vertrauensschwund nach dem Brexit viele Anzeichen, um in Italien eine nachhaltige Bankenkrise auszulösen. Mit dramatischen Folgen für die Eurozone. Der Plan von Ministerpräsident Matteo Renzi das notleidende System mit staatlichen Finanzmitteln zu stützen, scheiterte bislang am EU-Votum.

Deutschland im ruhigen Fahrwasser
In Deutschland sind die Auswirkungen bislang noch nicht sehr stark zu spüren. Das „Ja“ der Briten wird aber die erwartete konjunkturelle Belebung in Deutschland bremsen. Sämtliche Institute haben infolge des Referendums ihre Prognosen revidiert. So aktuell auch KfW Research: Die deutsche Wirtschaft dürfte 2016 mit 1,5 % etwas weniger (Vorprognose 1,7 %), im kommenden Jahr mit 1,2 % deutlich schwächer (Vorprognose 1,8 %) wachsen als zuvor erwartet. Die Wachstumsraten der Eurozone werden auf 1,3% im Jahr 2016 und 1,1 % im Jahr 2017 korrigiert (Vorprognosen 1,6 % bzw. 1,8%).

„Das Brexit-Votum ist ein Eigentor für das Vereinigte Königreich, doch auch in der Eurozone und in Deutschland wird die Entscheidung konjunkturelle Bremsspuren hinterlassen“, sagt Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Großbritannien leide zusätzlich zur ökonomischen Unsicherheit aus dem unklaren künftigen Verhältnis zur EU an politischen Unwägbarkeiten. „Parteien müssen sich teilweise neu aufstellen, nicht einmal der Fortbestand des Vereinigten Königreichs in seiner jetzigen Form ist sicher“, so Zeuner. Vor allem Banken überdächten ihre Standortentscheidungen. Die Pfundabwertung könne angesichts des relativ kleinen Exportsektors nicht zu einem wirkungsvollen Stabilisator werden. „Auch eine stimulierende Geldpolitik wird nicht verhindern, dass die britische Konjunktur im zweiten Halbjahr deutlich an Fahrt verliert“, erwartet Zeuner.

Außerdem verschiebt das Brexit-Votum die Trendwende beim Kreditneugeschäft. Das von KfW Research geschätzte Neugeschäft der Banken und Sparkassen in Deutschland mit Unternehmen und Selbständigen bleibt auch im ersten Quartal 2016 rückläufig. Der aktuelle KfW-Kreditmarktausblick weist ein Minus von 2,4% gegenüber dem Vorjahresquartal aus, das Abwärtstempo hat sich dabei aber stabilisiert. Dass gleichzeitig von Januar bis März ein leichtes Anziehen der Unternehmensinvestitionen zu beobachten ist, stimmt für die weitere Entwicklung des Unternehmenskreditmarkts eigentlich hoffnungsvoll. Allerdings dürfte die mit dem Brexit-Votum aufgekommene Unsicherheit über künftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen dies- und jenseits des Ärmelkanals die für die Jahresmitte erhoffte Belebung der Kreditvergabe an Unternehmen auf Ende 2016 verschieben.

„Das Brexit-Votum wird der wieder aufkeimenden Investitionsbereitschaft der deutschen Wirtschaft einen Dämpfer versetzen. Die Unternehmen dürften einen Teil ihrer bereits geplanten Investitionen 'auf Eis' legen“, so Zeuner. „Das belastet das Kreditneugeschäft - wir werden trotz günstiger Finanzierungsbedingungen in den kommenden Monaten erst einmal keine Trendwende sehen.“ Zeuner geht davon aus, dass durch das Ja zum Brexit nur kurzfristige Irritationen entstehen: „Die an sich sehr robuste Konjunktur in Deutschland wird nur eine Delle durchlaufen, nicht aber in die Rezession abrutschen. Die gerade in Sichtweite gekommene Rückkehr zu positiven Wachstumsraten im Kreditneugeschäft dürfte sich folglich verzögern, aber nicht ausbleiben.“

Schneller könnte sich eine weitere Belebung des deutschen Immobilienmarkts einstellen, denn speziell die Immobilieninvestoren gehen davon aus, dass der deutsche Immobilienmarkt kurz- und mittelfristig als zweitgrößter Immobilienmarkts Europas mit stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als Profiteur aus dem Votum der Briten hervorgeht [Immobilienbranche rechnet mit Verstärkung des Immobilienbooms].